Donnerstag, Juli 28, 2016

Vermischtes vom 28. Juli 2016

1. Lucas Schoppe zerpflückt in einem Offenen Brief an Bundesministerin Manuela Schwesig und Bundesminister Thomas de Maizière deren nur scheinbar friedensstiftende Kampagne "No Hate Speech". Schoppe erklärt: Diese Kampagne richte sich vermeintlich an alle, während sie in Wahrheit nur die Positionen kleiner Interessensgruppen vertrete und alle abweichenden Meinungen als "Hass" brandmarke. Damit arbeite sie mit Freund-Feind-Mustern, die man eigentlich abbauen müsse – etwa wenn es gegen die Männerbewegung geht:

Ein wesentlicher Teil der Männerbewegung ist beispielsweise die Väterrechtsbewegung – und dass nichtverheirateten Vätern Grund- und Menschenrechte vorenthalten worden sind, haben die zuständigen Gerichte ja festgestellt. (...) Es gab Zeiten, in denen eine sozialdemokratische Familienministerin solche Situationen als Problem begriffen hätte. Heute aber setzt sie Steuergelder ein, um Väter, die den Kontakt zu ihren Kindern zu halten versuchen, im Netz lächerlich zu machen – und verkauft eine Frau mit neckischem Messer in der Hand auch noch als Kampf gegen den "Hass".

(...) Die Bilder, die ich hier bislang angesprochen habe, sind nicht nur Illustrationen auf einer Webseite – es sind "Memes", die leicht in Tweets, Facebook-Postings, Kommentare etc. einzubinden sind. Vorbereitete, kurze, verletzende, verhöhnende Nachrichten, die Menschen als "Konter" an andere schicken sollen, denen sie Hass unterstellen.

Das bedeutet: Sie stellen gleichsam aus Steuermitteln virtuelle Waffen für die Auseinandersetzung im Netz bereit und legitimieren das damit, dass diese Waffen gewiss nur als Verteidigungswaffen genutzt würden, gegen Menschen, die das verdient hätten.

(...) Dem Gegner "Hass" zu unterstellen, ist zudem eine klassischen Legitimation von Gewalt: Wer durch Hass motiviert ist, ist schließlich rationalen Argumenten und Gesprächen nicht zugänglich und kann nur bekämpft, nicht aber überzeugt werden.

Ungeheuer wichtig ist es in Konfliktsituation und auch sonst, sich selbst und die gemeinsame Situation aus der Perspektive anderer wahrnehmen zu können. Gerade das wird aber verhindert, wenn diese Perspektive der anderen so nachhaltig wie möglich diskreditiert und als Ausdruck des Hasses wahrgenommen wird.

(...) Sich selbst als Repräsentanten der Liebe, die anderen als Repräsentanten des Hasses wahrzunehmen – das ist ganz gewiss keine erwachsene Haltung und kein erwachsener Umgang mit Konflikten.

Tatsächlich steht im Mittelpunkt der Kampagne auch gar nicht die Überlegung, welche Rechte UND Pflichten alle Beteiligten im Netz haben sollten – sondern die Überlegung, welche Gruppen für den Hass stehen und welche für die Liebe. Dabei sind die Zusammenstellungen der Gruppen, die sich unter der Rubrik Gegen wen richtet sich Hate Speech? finden, durchaus willkürlich: Opfer von Hass sind hier Juden – die ja tatsächlich traditionelle Ziele politisch-religiösen Hasses sind – ebenso wie Moslems, ohne dass auch nur ein Seitenblick auf den muslimischen Antisemitismus geworfen würde. Unter dem Stichwort "Sexismus" werden dann – ausschließlich – die #aufschrei-, die #ausnahmslos- und die #heforshe-Aktivistinnen als Opfer des Hasses beschreiben. Als könne es an diesen Initiativen nicht auch sachliche Kritik geben, die mit Hass gar nichts zu tun hat.

(...) Wesentlich getragen wird No Hate Speech von Journalisten, den Neuen Deutschen Medienmachern. (...) Es liegt nahe, dass dabei Abhängigkeiten und journalistische Distanzlosigkeiten produziert werden, die für eine Demokratie nicht gesund sind. Der Verdacht lässt sich kaum vermeiden, dass hier Journalisten gleichsam gekauft werden und sich zum Kauf anbieten – gleich mehrfach auf Kosten Dritter, die das als Steuerzahler finanzieren, die als Bürger eine Erosion demokratischer Qualitäten erleben und die dabei möglicherweise auch noch als Betroffene öffentlich verhöhnt und verächtlich gemacht werden.

Dass Aggressionen im Netz bekämpft werden könnten, indem kleine Lobbygruppen unterstützt sowie diejenigen Gruppen identifiziert werden, die für den Hass stehen, und die, die für die Liebe stehen: Das kann eigentlich niemand als ernsthaftes politisches Programm betrachten.


Schoppe bietet eine Alternative zu dieser sozialdemokratischen Kindergarten-Politik an:

Anstatt kleine und begrenzte Lobbygruppen zu unterstützen, nutzen Sie doch Ihre Position, um Menschen ganz unterschiedlicher Richtungen zusammen zu bringen: Konservative, Linke, Moslems, Islamkritiker, Feminismuskritiker, Feministen. Die Diskussion im Netz leidet nämlich in ganz besonderer Weise darunter, dass Akteure unterschiedlicher Gruppen sich nur noch in ihren Filterbubbles und ganz eigenen Echokammern bewegen und Menschen anderer Meinungen zunehmend als feindlich und fremd wahrnehmen.


Auch der Blogger Stefanolix findet es problematisch, wenn eine journalistische Plattform wie die Neuen Deutschen Medienmacher vom Bundesfrauenministerium gefördert wird, was zu einer Verfilzung von Regierung und Medien führt.

Vor ein paar Tagen schon bloggte Stefanolix darüber, inwiefern die von SPD-Minister Maas initiierte Überwachung der sozialen Medien für eine Demokratie problematisch ist.



2. Vor einigen Wochen geisterte durch unsere Leitmedien die Behauptung, dass es sogar beim Taschengeld einen "Gender Pay Gap" gebe. Ich hatte damals nicht auf Genderama darüber berichtet, sondern lieber auf die vorhersehbare Widerlegung dieses neuen Märchens gewartet. Björn und Sören Christensen berichten:

In unserer kurzen Recherche zu Taschengeldunterschieden zwischen Jungen und Mädchen haben wir also neun Auswertungen gefunden. Bewertet man diese im Überblick, erscheint der Rückschluss auf ein höheres Taschengeld bei Jungen im Vergleich zu Mädchen (Pocket Money Gap) als vorschnell. Denn bei sieben der Studien finden sich keine oder nicht statistisch abgesicherte Hinweise auf ein höheres Taschengeld. Diese Studien wurden in den Medien allerdings kaum aufgegriffen.




3. Die Journalistin Ashe Schow berichtet über die von den US-Demokraten veranstaltete Krönungsmesse für Hillary Clinton:

Even as they decry the "doom and gloom" or "fear mongering" of the Republican National Convention, Democrats have spent the past few days trying to convince women in America that they are horribly oppressed.

Speaker after speaker has talked about the gender "wage gap," implying women are not paid equally for equal work (which isn't true). They're continually talking about paid family leave (because women can't help themselves without government, evidently) and access to abortion.

Then there was Rep. Maxine Waters, who made the claim that when (if) Hillary Clinton becomes president, suddenly all of the ills facing women will disappear.

"Women of America, women of the world, oh we're going to be treated with dignity and respect," Waters said. "We will not be judged by our appearance or our size or our accent. We will not be denied freedom of choice. We will demonstrate our talents and we will prosper."

Women aren't prospering now? And there's nothing Clinton can do to make people stop women (or men) for their appearance. People judge each other, people have beauty standards and no amount of "love your body" campaigns will change that. A woman president certainly won't change that.

(...) Maybe instead of all the "doom and gloom" being spread by Democrats, we accept that women in America are doing great, and doing better every year.




4. Die Post. Vorgestern wies mich einer meiner Leser auf einen Artikel bei Telepolis hin, der auf die "binäre Logik" des Slogans "Nein heißt nein" aufmerksam machte. "Binäre Logik" heißt in diesem Fall, dass es für Anhängerinnen dieses Denkens nur zwei Möglichkeiten gibt, sobald es um die Bereitschaft zum Sex geht: entweder ist der Schalter an oder aus. Der gesamte Graubereich dazwischen ("Ich hab ja im Moment nicht so richtig Lust, aber wenn du mir noch ein Glas Wein einschenkst und meinen Nacken weiter so kraulst, dann vielleicht ...") wird unsichtbar gemacht.

Jetzt haben Bettina und Alexander Hammer unter der Überschrift "Das "Nein" als anerzogenes Modell" mit einem zweiten Artikel nachgelegt. Darin erläutern sie, dass nicht unbedingt böser Wille dahinter steckt, wenn Frauen mit Männern Spielchen spielen – also "Nein" sagen, obwohl sie eigentlich "Ja" meinen, was immerhin knapp vierzig Prozent aller Frauen schon mal getan haben. Der Grund ist häufig vielmehr ein Jungfräulichkeitskult, der der sexuellen Revolution zum Trotz bis heute in der Erziehung nachwirkt:

Im Bereich der Sexualität gilt es, das "Nein" möglichst lange aufrechtzuerhalten. Obgleich der Jungfrauenkult im christlichen Kulturkreis nicht so stark vertreten sein sollte, ist bei vielen Erwachsenen die Sorge, die Tochter könnte (vor)schnell "ja" zum Sex sagen, ihre Jungfräulichkeit verlieren oder gar schwanger werden, groß. Die erste Verabredung mit einem Jungen wird dementsprechend oft von Misstrauen und Vorverurteilung begleitet.

Es ist logisch, dass der Wunsch, es den Eltern recht zu machen und als gute, brave Tochter zu gelten, nicht gesellschaftlich geächtet zu werden, oft genug mit dem, was selbst gewünscht wird, kollidiert. Das "Nein" stellt insofern so manches Mal eher den Willen der Eltern dar denn des Mädchen selbst. Das aber bedeutet, dass das strikte "Nein heißt Nein" gerade auch für die Mädchen und Frauen, die innerhalb dieser Konventionen agieren, zum Bumerang werden kann.

(…) Zwischenmenschliches ist, wie es ein Kollege formulierte, unscharf, es ist nur selten wirklich eindeutig und verschiedene Vektoren wirken in verschiedene Richtungen. Der Mensch agiert nur selten streng binär. Dies zu erwarten, hieße, ihn in ein Korsett zu zwängen, das alle Feinheiten, Mehrdeutigkeiten, jede Raffinesse und Verführung negiert.


Mein Leser kommentiert:

Mit anderen Worten: Was übereifrige Feministinnen mit "Nein heißt Nein" zu schützen versuchen, ist manchmal gar nicht der ureigene Wille des Mädchens, sondern – der Wille von deren Eltern!

Wobei dieser "Elternwille", da fehlerhafte Erziehung tatsächlich von einer Generation zur nächsten "vererbt" werden kann, mitunter vielleicht auch schon der Wille der Großeltern, Urgroßeltern, usw. war. Die feministische Sexualmoral trägt jedenfalls bemerkenswert oft viktorianische Züge. "Nein heißt Nein!" gilt als Verhaltensmaßregel folglich nicht nur für die Männer. Sie richtet sich genauso auch an Frauen, insbesondere an jene, die eigentlich ganz gerne "Ja" zu Männern sagen würden. Diese werden verschlüsselt daran erinnert, was "die Gesellschaft" angeblich von ihnen erwartet, nämlich Reinheit und Tugend.

Das dürfte wohl die Kehrseite der vielgerühmten "sozialen Kompetenz" und der "höheren Teamfähigkeit" der Frauen sein: Im Mittelpunkt stehen weniger die Rechte und das Wohlergehen des einzelnen Individuums (die Frau selbst oder ihr Partner), sondern die vermeintliche Pflicht gegenüber Kollektiven (Eltern, Familie, Nachbarn, "die Gesellschaft", ...), denen man Gehorsam bis in allerprivateste Dinge hinein zu schulden glaubt. So sorgt "weibliche Sozialkompetenz" für sozialen Sprengstoff. (Und über die totalitären Tendenzen des Feminismus braucht man sich da auch nicht mehr zu wundern.)


Wer sich dafür interessiert, wie stark die feministische Sexualmoral auf viktorianischem Denken beruht, dem kann man übrigens Rene Denfelds Buch The New Victorians. A Young Women's Challenge to the Old Feminist Order empfehlen.

Bettina und Alexander Hammer weisen darauf hin, dass das verschärfte Sexualstrafrecht sehr große Unsicherheit dahingehend in sich birgt, inwiefern schon eine Überredung, Beharrlichkeit oder ein Missverstehen strafbar sein können. Und sie vermuten, dass sich vor diesem Hintergrund "manche eher aus der Beziehungsarbeit per se verabschieden". Diese Vermutung dürfte berechtigt sein.

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