Donnerstag, Juli 24, 2014

Lesermail (Opfermythen?)

Die Themen Musterung und Kriegsdienst bzw. Ersatzdienst scheinen doch so einige Genderama-Leser motiviert zu haben, sich dazu noch einmal zu äußern. Mit den folgenden beiden Briefen möchte ich das Thema aber gerne abschließen.

Florian Gügel schreibt mir:

Meine Musterung hängt mir heute noch nach. Opferstatus deshalb habe ich nie gesucht (psychiatrische Behandlung inzwischen schon). Dass es auch Männer gibt, die ihre Musterung als unspektakulär erlebt haben – geschenkt!

Aber wenn unsere Medien wegen so banalen, kleinscheißerlichen und infantilen "Mikrovergewaltigungen gegen Frauen" wie "Breitmachmacker" Zeter und Mordio schreien, dann soll es erlaubt sein, etwas Perspektive in die Sache bringen. Zum Beispiel, indem man einmal als Mann nicht still leidet, die Zähne zusammenbeißt und durch – wie das Opa und der Vater noch getan haben – sondern endlich auch mal seine Kauleiste aufmacht, getreu Warren Farrells "Women can't hear what men don't say".

Dass da sofort "Opferinszenierung" kommt wie ein Beißreflex, das ist ebenso traurig wie zu erwarten. Wie sagte eine weise Person einmal (ich glaube auch hier Dr. Farrell, bin mir aber nicht ganz sicher)? Die Misandrie ist so tief in unserer Gesellschaft verwurzelt, dass die meisten sie nicht einmal sehen, wenn sie ihnen vorgeführt wird.

Ich habe Zeit meines Lebens meine (von mir durchaus als traumatisch empfundene) Musterung nie dazu benutzt, mich als Opfer stilisieren zu wollen. Wozu auch? Es interessiert in Deutschland doch keine Sau wie es einem Buben/Mann bei der Musterung gegangen ist. Im besten Fall erntet man Unglauben, im blöderen Hohn oder den Vorwurf, sich als Opfer gerieren zu wollen. Verständnis? Das bekommt man höchstens von denen, die so eine Musterung am eigenen Leib durchmachen haben müssen.

Vor allem sollte man den Zweck des Artikels nicht aus den Augen verlieren: Es ging nicht darum, sich als Opfer zu inszenieren und Mitleid zu heischen. Es ging doch darum, einmal zu zeigen, wie sehr Feministinnen (und derart geprägte Mitmenschen) nur ihr eigenes Erleben als Maßstab dafür sehen, was entwürdigendes, objektifizierendes Verhalten darstellt – und sich dann darüber echauffieren.

Dass Hunderttausende Männer in Deutschland über fünfzig Jahre lang *weit* Entwürdigenderes über sich ergehen haben lassen, ohne dass es irgendjemand dieses Prozedere überhaupt in Frage gestellt hätte – das sehen diese "Meine-Wahrnehmung-ist-meine-ganze-Welt"-Typen nicht.

Deshalb möchte ich den Artikel loben; Ich habe mich in ihm durchaus wiedererkannt (es hat bei mir beinahe zehn Jahre gedauert, bis ich mich vor einer Frau ausziehen konnte – vor der Musterung hatte mich noch keine nackt gesehen), auch weil ich einer der "gucken wir mal, ob ihre Vorhaut schön rutscht"-Kandidaten war. Wozu interessiert es die Bundeswehr, wie gleitfähig meine Vorhaut ist?

Ich denke auch, dass vor allem dieser Teil der Musterung tatsächlich dem Brechen der Männer dient – Mann ist komplett schutzlos ausgeliefert, und einen medizinischen Nutzen kann ich da nicht erkennen (zumal einem die Ergebnisse ja nicht mitgeteilt werden). Mich auf irgendeine Art zu wehren? Auf den Gedanken bin ich noch nicht einmal gekommen. Das alles war für mich so unwirklich, so beschämend und es hat mich komplett aus der Fassung gebracht, dass dieser Teil der Musterung *tatsächlich* existierte. Ich war, nackt in dem Zimmer mit zwei Frauen (Ärztin etwa 50, die Schreibkraft in meinem Alter), so überrumpelt, beschämt und hilflos, dass ich nicht einmal mehr einen klaren Gedanken fassen konnte. Dass die Schreibkraft während der Untersuchungen ihr Kichern nicht unterdrücken konnte oder wollte – es hat nicht geholfen.

Übrigens, was ich lange Zeit nicht wusste: Schon zu Kaiserzeiten gab es zwar die Musterung, aber damals nur vor gleichgeschlechtlichen Ärzten. Auch die alte ZDV 46/1 (Zentrale Dienstvorschrift) von 1957 erwähnt noch, dass keine Frauen präsent sein dürfen, wenn Männer medizinisch untersucht werden. Dass auch Frauen diesen Teil übernehmen durften, das kam erst später auf – und diese Änderung wurde anscheinend lange nirgends schriftlich festgehalten.

Diese Angaben habe ich diesem Text entnommen. Er ist in seiner Länge durchaus lesenswert, wenn auch weniger eine wissenschaftliche Arbeit als eine Sammlung von Erfahrungsberichten und Gedanken über die Behandlung, die junge Männer in unserer Gesellschaft erfahren.


Und ein weiterer Leser mailt mir:

Ich glaube, die Verwirrung um die Besetzung einer "Musterungskommission" kommt dadurch zustande, dass bis in die '90er hinein eine dreiköpfige Musterungskommission eingesetzt wurde. Nachdem es die dann nicht mehr gab, kam man nach absolvierter Musterung zu einem "Wehrberater", der anhand der Musterungsergebnisse über die weiteren "Karrierechancen" bei der Bundeswehr entschied.

Die Musterungskommission ist mir als Kriegsdienstverweigerer in Erinnerung geblieben, denn die hatte einen entsprechend schlechten Ruf. Die drei Mitglieder sollten die Anzahl Kriegsdienstverweigerer minimieren und waren rhetorisch und vermutlich auch psychologisch geschult. Viele Fragen, die die Standhaftigkeit des potentiellen Verweigerers testen sollten, zielten auf die persönliche Verteidigung ab und wurden mit Vaterlandsverteidigung gleichgesetzt. Beliebtes Beispiel damals war die Vergewaltigung der Freundin und die damit einhergehende Frage, ob man da nicht zwischen gehen würde. Derartige Fragen wurden diesen Kommissionen irgendwann verboten und schließlich die Kommission als solche abgeschafft. Ich hatte Glück, erst kurz danach zur Musterung zu müssen.

Den ursprünglichen Text über die Objektifizierung der Männer kann ich nur unterschreiben, er ist gut und wichtig; wenn auch streckenweise schwer zu lesen.

An dieser Stelle möchte ich Ihnen für Ihre Arbeit danken. Ich lese Genderama nun schon seit einer ganzen Weile und bin froh, dass es einen bekennenden linken Flügel der Männerbewegung gibt. Manchmal ist es als Linker nicht einfach, das weitreichende Linkenbashing hinzunehmen, vor allem weil ein großer Teil der linken Szene den Femismus zum Dogma erkoren hat, in dessem Weltbild ein nicht-feministischer Linker nicht existieren kann. Ich hoffe, dass ich es in Kürze mal schaffe, meine eigene Stimme in Blog- oder Podcastform der Männerrechtsbewegung hinzufügen.


Das würde mich freuen.

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